Dienstag, 25. Februar 2014
Versuche zu leben
Das Leben richtig spüren bedeutet auch, die Schattenseiten zu spüren. Auch hier, am anderen Ende der Welt, in Neuseeland ist man davor nicht gefeit. Hier sagt man sich nur, dass man sich die begrenzte Zeit, die man hat, nicht mit Stress und Ärger verderben will und arrangiert sich schneller und einfacher mit den Umständen. Warum muss man dafür einmal um die halbe Welt fliegen? Warum funktioniert das zu Hause nicht?

Man versucht hier als Backpacker mal so richtig zu leben, den Alltag hinter sich zu lassen und die Sorgen hinter sich zu lassen und sich nicht stressen zu lassen. Aber was erwartet man von einem Ort, an dem man sich über ein halbes Jahr lang aufhält. Wenn am an mit 17 Leuten in einer Flat wohnt, bleibt doch Ärger nicht aus. Wenn man im Hostel das Zimmer mit allen möglichen und unmöglichen Leuten teilen muss, bleibt doch Stress nicht aus. Aber man sagt sich, das gehört dazu und arrangiert sich.

Wieso geht das also zu Hause nicht. Ärger mit den Dozenten gehört an jede gute Uni, genauso wie Streit mit dem Mitbewohner jede gute WG ausmacht. Was unterscheidet diese Sorgen von denen auf der Südhalbkugel? Die Sprache? Weil auf englisch streiten für Learner wesentlich komplizierter ist als auf deutsch? Weil man sich die Zeit nicht versahen will?

Halte ich für ein schlechtes Argument, denn die Unizeit ist nur begrenzt, unsere Lebenszeit ist nur begrenzt. Es wäre also durchaus sinnig, das hier gelernte Arrangieren auch in Deutschland anzuwenden. Aber dafür jeden Menschen einmal um die halbe Welt schicken kann ja kaum des Rätsels Losung sein.

Streit, Kummer und Sorgen gehören zum Leben wie dass atmen, egal wo man ist, das ist nicht beeinflussbar. Was wir aber beeinflussen können, ist der Umgang mit eben jenen Dingen. Streit muss geführt werden, aber er darf danach auch vergessen werden. Und bei manchen Sorgen tut es gut, die Perspektive zu wechseln und zu gucken, ob es wirklich unsere Sorgen sind. Warum sich die gegebene Zeit vermiesen? Egal welche, die im guten Job, die an der Uni, in der WG, oder die am anderen Ende der Welt oder die ganze Zeit?

Manche Sachen kann man nicht verzeihen, mancher Schmerz sitzt zu tief, aber sich mehr aufladen als notwendig, ist meiner Meinung nach, nicht notwendig. Im Zweifel macht es nur krank. Jammern und Selbstmitleid ist erlaubt, streiten und maulen, ärgern und sich Sorgen, aber ich denke, wer seine Lebenszeit nicht verschwenden weil, sollte die Grenze dazu kennen.
Um das zu lernen bin ich um die halbeWelt geflogen. Vielleicht sind die meisten Menschen ja schlauer als ich und handeln schon so. Ich würde mich freuen, in Deutschland mehr kiwi-lrben zu spüren :-)

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Montag, 21. Oktober 2013
Eine Wahl beim Ort zum Sterben haben... Mehr möchte sie nicht
Stellen Sie sich vor, es wäre Ihre Tochter. Stellen Sie sich vor, es wäre Ihre Schwester. Stellen Sie sich vor, es wäre Ihre Freundin. Ein 13-jähriges Mädchen, lebensfroh, freundlich, fleißig, krank. Sehr krank. Zu krank um zu überleben. Das Mädchen hat einen Tumor im Bauch, der bereits auf Leber und Lunge so stark gestreut hat, dass die Schulmedizin das Mädchen bereits aufgegeben haben. Sie wird gehen. Und sie weiß, dass ihre Zeit vorbei ist, vielleicht noch vor Weihnachten. Sie möchte jetzt ihre Ruhe, für sich und für ihre Eltern. Aber die darf sie nicht haben.

Ein Gesetz besagt, dass Menschen gezwungen werden können, medizinische Einrichtungen zu besuchen, selbst wenn sie nicht mehr zu heilen sind, so wie im Fall das Mädchens. Eine Staatsanwaltschaft hat den Eltern gedroht, ihre Tochter zwangseinweisen zu lassen, wenn sie sie nicht auf eigene Kosten in ein medizinischen Programm geben. Und das schließt Sterbehospize aus. Eltern und Kind wollen das nicht. Sie wollen ihre Ruhe, die letzte Zeit für sich haben... zusammen. Aber ein Gericht erlaubt es nicht.

Das Kind muss nun also in eine Klinik und muss untersucht werden, behandelt werden, natürlich alles auf Kosten der Eltern. Sie lassen ihr nicht die Ruhe, die sie sich wünscht. Zu Forschungszwecken wurde sie verurteilt, bis zum Tode in einer fremden Umgebung zwischen fremden Leuten auszuharren und Therapien und Medikamente wirken zu lassen, die sie nicht mehr retten können.

Was ist das? Ist das menschlich? Ich halte es für grausam und abstoßend. Ich sehe die Notwendigkeit der Forschung, aber darf meinen einen Menschen dazu zwingen? Seinen letzten echten verzweifelten Wunsch ignorieren und ihn quälen? Ihm das verwehren, was er am meisten wünscht? Ein 13-jähriges Mädchen, das sich im Kreis der Familie ausruhen und sterben möchte? Ich denke nicht. Mir wird schlecht, wenn ich daran denke, dass das meine Tochter sein könnte, die nichts lieber möchte, als in meinen Armen zu liegen, aber nun hinter Glasfenster am Tropf hängt und mich nur ansehen darf. Sie möchte auf dem Sofa auf Papas Schoß gekuschelt schlafen, nicht in einem Krankenhausbett.

Die Eltern wollten wenigstens den letzten Wunsch ihrer Tochter erfüllen und konnten, durften es nicht. Auf eigene Kosten müssen sie dies verwehren. Das Gesetz ist auf der Seite der Staatsanwaltschaft. Zu Forschungszwecken. Um zukünftiges Leben erhalten zu können. Wird vielleicht meine Tochter irgendwann zu diesem Preis gerettet werden können? Ist es mir das wert?

Ich habe keine Kinder, ich bin zu jung, um mir vorzustellen, eine 13-jährige Tochter zu haben. Vielleicht beantworte ich deshalb diese Fragen ebenfalls mit einem klaren „Nein“. Ich halte den Preis, den Wunsch dieses Mädchens, für zu hoch. Denn was ich meinem eigenen Kind niemals antun möchte, dass sollte auch niemals ein anderes erfahren.

Das Mädchen ist jetzt in einer Klinik, die ganzheitlich behandelt. Vielleicht die beste Lösung. Die Eltern tragen die Kosten alleine, Freunde haben Spendenkontos eingerichtet, die Geschichte des jungen Mädchens wird über Facebook geteilt. Ich möchte keinen Spendenaufruf starten. Ich möchte, dass über solche Gesetze besser nachgedacht wird. Dass das Menschliche nicht verloren geht. Und ich möchte, dass das Mädchen nach Hause darf, zu ihren Eltern, Geschwistern und den Tieren. Ich kenne sie. Sie hat es verdient, dass man ihren Wunsch respektiert.

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Donnerstag, 8. August 2013
"Dafür ist mein Kollege zuständig..."
Bei Behörden anrufen, mein persönlicher Albtraum. Jedes Mal lege ich mit dem Gefühl auf, dass ich unbedingt mal diesen ominösen Kollegen sprechen müsste. Also den, der mir eigentlich als Einziger helfen kann. Der, der immer die Schuld an möglichen Versäumnissen trägt. Der, der bedauerlicherweise immer genau dann nicht am Platz ist, wenn ich anrufe. Und der, der in jedem Unternehmen angestellt zu sein scheint.

Mit diesem Kollegen würde ich gerne mal sprechen. Ich würde ihm gerne mal meinen Respekt für sein enormes Arbeitspensum aussprechen, bei dem er es noch schafft, regelmäßig irgendwo ein Verwaltungschaos anzulegen. Respekt auch dafür, dass er immer genau weiß, wann ich anrufe. Respekt für seine enormen und vielseitigen Fähigkeiten, mit denen er das gesamte Unternehmen am Laufen zu halten scheint. Und meinen Respekt auch, dass er immer die ganze Schuld auf sich lädt.

Aber nicht nur meinen Respekt hat der Kollege, sondern auch ganz besonders mein Mitleid für den Titel „Arschloch der Nation“. Was muss das für ein Leben sein, ständig auf der Flucht, hetzend von Unternehmen zu Unternehmen, dabei noch alles können und nicht auf die Reihe bekommen. Zwischendurch muss der Telefonstand sämtlicher Bundesbürger gecheckt werden, nicht das zufällig jemand anruft, wenn er da ist. Hat der Kollege eigentlich eine Familie? Vermutlich nicht, aber es ist auch fragwürdig, ob er das vermisst, bei dem ganzen Stress.

Dieser Kollege, ich denke, alle kennen ihn. Jeder hat ihn schon mal verflucht und jeder beneidete ihn um seinen anscheinend unausschöpflichen Jahresurlaub und hat heimlich seine Fehlerquote bewundert, mit der er immer noch angestellt bleibt. Dieser Kollege, wer ist er eigentlich? Eine typisch deutsche Erfindung des bürokratischen Systems? Oder eine rein menschliche Erfindung, um Ärger, Wut und Stress von sich fern zu halten?

Aber wie gestresst und überreizt muss man werden, damit man diesen Kollegen vorschieben muss, anstatt selbst zu sagen: „Ja, das tut mir Leid, das war mein Fehler!“. Ey, wir sind alle nur Menschen, Fehler passieren und es wäre auch schlimm, wenn nicht. Vielleicht sind sie für den Kunden unpassend, vielleicht sogar sehr behindernd, aber wenn der Mensch mit Menschen arbeitet, dann muss er damit rechnen. Und es steht auch schon in der Bibel: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Wat sachste da noch?

Ich versuche hier nicht Unfreundlichkeit oder auch wirklich vorkommende Unfähigkeit zu entschuldigen. Aber das menschliche Dasein sieht einen geraden, fehlerfreien und perfekten Weg ohne Ärger nun mal nicht vor. Und es wäre auch langweilig, wenn er das wäre. Aber es gehört auch dazu, zuzugeben, wenn man einen Fehler macht und zuzugestehen, dass Fehler passieren, auch innerhalb des deutschen Behördengewusels. Und wenn das klappt, dann können wir eventuell auch den Kollegen endlich mal in seine wohlverdiente Rente schicken. Mit Eigenheim, das hat er sich wirklich verdient!

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